Logo Martin Kleine - Business Coach für Gründer mit ADHS

Excel-Tabellen, die niemand liest. Wie ein Großkonzern mein Gehirn gebrochen hat.

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2015 war ich eigentlich ganz glücklich. Ich hatte bei AIT angefangen, einer kleinen Consulting-Firma. Vielleicht 20 Leute insgesamt. Sitz in Stuttgart. Ich konnte aus Paderborn remote arbeiten, musste nur alle zwei Wochen mal mit dem Zug für zwei Tage hin. Die Projekte waren überschaubar. Ich konnte viel selbst entscheiden, wie ich Sachen anpacke. Niemand hat mir reingeredet. Ich habe extrem viel gelernt in kurzer Zeit.

Das war für mich das Paradies.

Rückblickend war das genau der richtige Rahmen für mein Gehirn: Autonomie, schnelle Entscheidungen, direkte Umsetzung. Kein bürokratischer Overhead. Keine stundenlangen Excel-Tabellen, die niemand liest.

Als wir wuchsen

Die Firma lief gut. Wir wuchsen auf 40+ Mitarbeiter, dazu kamen externe Nearshore-Entwickler. Die Projekte wurden größer. Mein größtes Projekt hatte irgendwann 20 Leute.

Das war schon eine andere Hausnummer. Ich musste deutlich strukturierter werden, um so ein großes Team zu handeln. Aber es ging noch. Es machte sogar Spaß, irgendwie. Ich hatte das Gefühl, ich lerne dazu, ich wachse mit der Aufgabe.

Es war anstrengend, klar. Aber es war noch nicht toxisch.

Der Bruch: Siemens kauft uns

Dann kam Corona. Und während Corona wurden wir von Siemens gekauft.

Erst hieß es: “Bleibt alles beim Alten.”

Stimmte aber nicht.

Mit der Zeit wurden wir immer mehr Großkonzern. Auch mit den Strukturen. In den Projekten musste ich immer mehr Dinge tun, die mir absolut nicht lagen. Es waren Sachen, die einfach gemacht werden mussten, weil sie dazu gehörten. Weil Siemens es so vorgegeben hat.

Die Projekte wurden internationaler. Viel größer. Einerseits brauchten wir mehr Struktur, andererseits waren wir auch chaotischer, weil wir vieles vorher so noch nicht gemacht haben. Ich hatte das Gefühl, dass wir immer mehr machen müssen, aber weniger rauskam.

Kollegen kündigten. Der Druck auf die Verbliebenen wurde größer.

Und ich? Ich saß zwischen den Stühlen. Zwischen Siemens-Vorgaben und dem, was das Projekt eigentlich gebraucht hätte. Zwischen der Marge, die Siemens sehen wollte, und den Menschen, die ich führen sollte.

Der erste Tag nach dem Urlaub

Sommer 2023. Ich komme aus dem Sommerurlaub zurück.

Erster Tag im Büro. Ich setze mich an den Schreibtisch. Und direkt bekomme ich ein neues Projekt übergeben.

Ohne Vorbereitung. Ohne Einarbeitung. Aus meiner Sicht völlig falsch geplant.

Es war ein großes internationales Projekt. Ich hatte davon ein Teilprojekt bekommen. Und ich musste stundenlang Dokumente ausfüllen. Excel-Tabellen füllen. Von denen ich genau wusste, dass die niemand liest.

Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Das macht keinen Sinn mehr.

Ich saß da, habe Zeilen in Excel-Tabellen eingetippt, weil irgendein Prozess das vorsah. Weil Siemens das so wollte. Nicht, weil es dem Projekt geholfen hätte. Nicht, weil es jemanden interessiert hätte.

Es war einfach nur Pflicht. Und ich habe jede Sekunde davon gehasst.

Ich bin Informatiker. Ich habe Firmen gegründet. Ich habe Software gebaut, die echte Probleme löst. Und jetzt saß ich da und füllte Excel-Tabellen aus, die niemand liest.

Das war nicht das, wofür ich mein Gehirn benutzen wollte.

Was dann passierte

Es wurde nicht besser. Es wurde schlimmer.

Ich bekam körperliche Symptome. Ich war ständig schlecht gelaunt. Ich war erschöpft, auch wenn ich genug geschlafen hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich gegen eine Wand renne, jeden Tag aufs Neue.

Ich wusste noch nicht, dass das Burnout war. Ich dachte, ich muss halt durchhalten. Ich dachte, ich bin nicht strukturiert genug. Ich muss mich mehr anstrengen.

Aber das stimmte nicht.

Das Gespräch mit meinem Chef

Im Frühjahr 2024 haben wir uns zusammengesetzt. Mein Chef, der Teamlead und ich.

Ich hatte vorher schon versucht, die Arbeitslast zu senken. Hat nicht viel gebracht. Aber in diesem Gespräch war es anders.

Mein Chef hat mich verstanden.

Er konnte nichts an der Konzern-Situation ändern. Er war genauso frustriert wie ich. Aber er war menschlich. Und er hat mir die Tür aufgehalten.

Wir haben einvernehmlich entschieden: Ich gebe meine Projekte ab und werde freigestellt. Knapp über vier Monate angestellt, ohne arbeiten zu müssen. Mit vollen Bezügen.

Er hat mich würdevoll rausgelassen.

Das war ein Geschenk. Wirklich. In dem Moment hätte ich auch einfach hingeschmissen. Aber er hat mir Zeit gegeben. Zeit, die ich dringend gebraucht habe.

Die erste richtige Pause

Diese vier Monate waren die erste richtige Pause, die ich seit Jahren hatte.

Ich habe nicht sofort gewusst, was ich machen soll. Ich habe mich erst mal nur erholt. Und dann kam langsam Klarheit.

Ich habe angefangen zu verstehen, was da eigentlich passiert war.

Es war nicht meine fehlende Disziplin. Es war nicht, dass ich nicht strukturiert genug war. Es war nicht, dass ich zu faul war oder zu wenig Durchhaltevermögen hatte.

Es war, dass Konzern-Strukturen für eine bestimmte Gehirn-Norm gebaut sind.

Und mein Gehirn passte nicht in dieses Schema.

Was ich heute weiß

Heute habe ich einen Namen für das, was damals los war. Damals nicht. Aber rückblickend ergibt alles Sinn.

Die kleinen Projekte bei AIT am Anfang? Perfekt für mein Gehirn. Schnelle Entscheidungen, direkte Umsetzung, klare Ergebnisse.

Die großen Siemens-Projekte mit ihren Prozessen und Vorgaben und Excel-Tabellen, die niemand liest? Die Hölle für mein Gehirn.

Ich habe jahrelang versucht, mein Gehirn in eine Form zu pressen, für die es nicht gemacht ist. Und es hat mich fast kaputt gemacht.

Aber das war nicht meine Schuld. Und es ist auch nicht deine Schuld, falls du das gerade durchmachst.

Wenn du das gerade liest und dich wiedererkennst

Vielleicht sitzt du gerade in einem Job, der dich kaputt macht. Vielleicht denkst du, dass du nicht gut genug bist. Dass du dich mehr anstrengen musst. Dass du einfach nicht die richtige Person für den Job bist.

Aber vielleicht ist es auch anders.

Vielleicht ist nicht dein Kopf das Problem. Vielleicht ist es der Rahmen.

Konzern-Strukturen funktionieren für eine Mehrheit. Aber nicht für alle. Und wenn dein Gehirn anders tickt, dann ist das nicht dein Defizit. Dann ist es einfach nur ein Mismatch.

Der Ausweg ist nicht “mehr Disziplin”. Der Ausweg ist ein Rahmen, in dem deine Stärken nutzbar sind. Wie ich meinen gefunden habe, ist eine andere Geschichte.

Was als Nächstes kam

Dass dahinter ADHS steckte, wusste ich damals noch nicht.

Wie ich es entdeckt habe, erzähle ich im nächsten Artikel.